. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . archiv/ texte und aufrufe/ 01.05.2001
01.05.2001
kritiktext zum 1.mai in schwerin
[gegen arbeitswahn und kapitalismus!]
Aus Prinzip ausschlafen!
Wie bereits die letzten drei Jahre zuvor, wird auch der 1.Mai 2001 in Schwerin durch die Jobparade überschattet. Etwa 20 Lkws, die mensch zur mobilen Ausstrahlung von TechnoMusik umfunktionierte, wollen an diesem Tag gemeinsam mit mehreren tausend Jugendlichen die Schweriner City umrunden und dies aus gutem Grund. Von den VeranstalterInnen her geht es dabei nicht um einen Anflug zügellosen Hedonismus, nicht um eine neuerliche Manifestation entpolitisierter Jugendkultur. Die durch den DGB Nord initiierte Party versteht sich als die bundesweit „größte, längste, bunteste und schrillste Maikundge-bung.“ Durch sie soll auf „fehlende Jobs, Lehrstellen und Lebens-perspektiven“ hingewiesen werden. Zum Stelldichein der Arbeitsgeilheit gesellt sich sodann auch die politische Elite, in Person von Kanzler Schröder und DGB Chef Schulte, die ihrer arbeitswilligen Jugend den Kopf kraulen wollen. Das macht es einmal mehr notwendig, der Arbeitsgesellschaft eine grundsätzliche Kritik entgegenzuhalten.
Schwer von Begriff
Die Terminologie der Arbeit ist in einem Höchstmaße mißverständlich, weil sie im gemeinen Sprachgebrauch über ihren semantischen Sinn hinaus hemmungslos überdehnt wird. So beschreiben die gängigen Vokabeln nicht etwa ein selbstgetragenes Verhalten, das auf Freiwilligkeit beruht, dem sich ein Sinn zurechnen läßt- obwohl auch diese Bedeutungen in der heutigen Sprache mit rezipiert wird. Stellt man auf den ursprünglichen Wortgehalt ab, so muß Arbeit allein auf zwanghafte Tätigkeiten begrenzt bleiben. Das französische "travail" oder das spanische "trabajo" etwa sind von ihrem Wortursprung auf das lateinische "tripalium" zurückzuführen, was soviel wie "Joch" bedeutet. Dem sehr ähnlich umriß das Wort "Arbeit" im deutsch-sprachigen Raum die Tätigkeiten von unfreien Menschen, der Knechte, Sklaven und Mägde. Diese Bedeutungsform der Arbeit ist auch in der heutigen Gesellschaft leider noch nicht überholt. So wird Lohnarbeit sehr oft allein zum Selbstzweck betrieben. Abgekoppelt von jeder emotionalen oder geistigen Nähe, ist sie nicht mehr als eine bittere Pille, die geschluckt werden muß, um über die Runden zu kommen. Die Frage nach dem Nutzen der geleisteten Tätigkeiten stellt sich dabei nicht. Darum verwundert es keineswegs, daß viele Menschen über ihren Job schimpfen, wie sehr dieser sie anöden oder stressen würde, um dann allerdings mutig zu konstatieren, daß man doch glücklich sein kann, weil man wenigstens einen hat. Das kann es jedoch nicht sein! Eine Tätigkeit, die ins Zentrum des menschlichen Seins gerückt wird, ohne eine Bereicherung für die eigene Persönlichkeit darzustellen, die den Menschen lediglich zum Funktionsinstrument des Kapitalismus macht, kann nicht befürwortet werden.
Wer nicht arbeiten will, muss fühlen
Arbeit hat in dieser Gesellschaft so etwas wie einen Status des Naturhaften, unverrückbar Selbstverständlichen überschrieben bekom-men. Diese Stellung wird dem Menschen schon von Geburt aus eingehämmert und er/sie auf ein getreues mitmachen in ihrem Sinne erzogen. Kindergarten, Schule, Studium oder Lehre dienen demnach nicht etwa der intellektuellen Grundversorgung, sondern sind zum großen Teil bloße Abrichtungsinstanzen für den funktionierenden Kapitalismus. Hier werden stromlinienförmige Arbeitstiere heran gezüchtet, die sich 40- 50 Jahre unter dem leuchtenden Stern der Ökonomie verausgaben, um dann von der Rente auf dem Abstellgleis der Gesellschaft den Lebensabend gebührend zu "genießen". Wer das nicht will oder kann, gerät schnell in die Diskriminierungsmühlen des herrschenden Systems. "Es gibt kein Recht auf Faulheit", postulierte Kanzler Schröder bspw. in der letzten Woche mittels dieser lupenreinen Lafague'schen Umkehrung. "Drückebergern" und "Sozialschmarotzern" solle es endlich an den Kragen gehen- ein Ziel, für dessen Erreichung den Regierenden offenkundig jedes Mittel opportun erscheint. Neben der Forderung nach Streichung des Arbeitslosengeldes auf Sozialhilfe-niveau ist mittlerweile sogar die staatlich verordnete Zwangsarbeit im Gespräch.
Der Unsinn als Programm
Die Institution der Ausgrenzung über den Begriff Arbeit läßt sich am treffendsten als zutiefst moralistisch, religiös beschreiben. Die Terminologie der Religiösität bezieht sich dabei auf die Vergottung (Adorno), die Arbeit in der postfordistischen Gesellschaft erfährt. Jedoch stolpert das ewige Hochhalten der Fahne der Arbeit über die existierende Krise des Kapitalismus, dessen Fundament sie bis dato bildete. Mit dem Sieg der nunmehr dritten industriellen Revolution, nämlich der der Mikroelektronik, ist Arbeit zumindest in der klassischen Produktionssphäre überflüssig geworden. Technische Innovationen sind es, die ein Gros an personellen Einsparungen mit sich bringen, weil Roboter die Arbeit vieler Menschen effektiver und kostengünstiger verrichten. Der gesamte Produktionssektor erfährt dadurch zusehends eine Technisierung, die eine Ausdünnung der Personaldecke nach sich zieht. Die einzigen Arbeitskräfte, die auch weiterhin angesaugt werden müssen, sind jene, die die technischen Ressourcen verwalten bzw. warten und jene, die neue arbeitseinsparende Gerätschaften erfinden. Diese Rationalisierung bedingt eine weite Verarmung großer Bevölkerungsgruppen, die arbeitslos sind bzw. werden und zugleich eine rapide Zunahme des Reichtums für die BesitzerInnen der Produktionsmittel durch massive Kosteneinsparungen. Umsomehr sich allerdings abzeichnet, daß Arbeit überflüssig wird, um so stärker wird sie als gesellschaftlicher Wert hochgehalten, ausgeformt. Aufgeblasene Beschäftigungsprogramme, Umschulungen, unnütze Jobs drücken dem Menschen willkürlich irgendeine Tätigkeit auf. Diese Praxis dient lediglich der Herauszögerung der Einsicht, daß diese Gesellschaft als Arbeitsgesellschaft nicht mehr haltbar ist und geradewegs in eine tiefe Krise mündet. Die Lösung dieses Problems kann aber nicht in der Ablehnung technischer Innovationen, sondern nur in der Ablehnung des Kapitalismus bestehen, durch den der gesellschaftliche Reichtum falsch verteilt wird.
get ready for the revolution
Der 1. Mai als Feiertag mit linkem Anstrich stellt ein traditionelles Schulter- Rubbeln für einen reformierten Kapitalismus dar. Getreu alter arbeiterbewegter Geschichtsparadigmen wird um Vollzeitjobs, bessere Ausbildungsmöglichkeiten und einen Platz auf der Galere der globalen Ökonomie gebettelt. Für eine radikale Linke ist das Grund genug, die eigene Geschichte einmal vom Kopf auf die Beine zu stellen und den Arbeitsfetisch hauptsächlich der kommunistischen Linken kritisch zu hinterfragen. So "drehte [die ArbeiterInnenbewegung] gewissermaßen den Spieß ideologisch um und entwickelte einen missionarischen Eifer, einerseits das "Recht auf Arbeit" einzuklagen und andererseits die "Arbeitspflicht für Alle" zu fordern. Das Bürgertum wurde nicht als Funktionsträger der Arbeitsgesellschaft bekämpft, sondern im Gegenteil gerade im Namen der Arbeit als parasitär beschimpft." (Gruppe KRISIS) Der 1.Mai bietet die Möglichkeit mit dieser Analyse und Praxis einmal gründlich aufzuräumen und dagegen wertkritische, revolutionäre Positionen, als Gegenpol zu arbeitsreligiösen DGB Großveranstaltungen zu formulieren. In Bezug auf die Jobparade heißt das konkret, sich dem politischen Anspruch der Party entgegenzustellen und ganz klar zum Ausdruck zu bringen, daß Arbeit Scheiße ist. Dies haben wir hiermit getan. Was bleibt ist die Hoffnung, daß die anschwemmenden RaverInnen ihrem Credo des Nicht- Politischen treu bleiben und mit gewohntem Desinteresse einfach nur feiern wollen, während die OrganisatorInnen ihre verquasten Arbeitsforderungen beständig runter-leiern.
Gegen Arbeitswahn und Kapitalismus!
Für eine Herrschaftsfreie Gesellschaft!
autonome antifa schwerin [28/04/01]
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
zum anfang.. zurück.. druckversion..