. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . archiv/ texte und aufrufe/ 13.05.2000
13.05.2000
nachbereitung der demonstration
[goethestraße 23 dichtmachen]
nachbereitung
liebe genossinnen und genossen,
am 13.mai 2000 fand in schwerin eine antifaschistische demonstration unter dem motto "keine freiräume für faschisten! goethestrasse 23 dichtmachen" statt. aufgrund der darauf bezogenen skandalösen und repressiven reaktion der stadt schwerin, hat das bündnis schweriner antifaschistinnen [bsa], dem auch wir angehören, eine dokumentation zusammengestellt. wir finden es unverzichtbar, diese vorgänge öffentlich zu machen. zeigen sie doch allzudeutlich, das anti- antifa- kampagnen nicht allein aus dem teil der extremen rechten geführt werden, der sich selbst als rechtsextrem bezeichnet. "ordnungs-behörden" und medien haben einen defamierungsfeldzug durchgeführt, den wir nicht stillschweigend hinnehmen wollen.
der demonstration gegen das nazizentrum in der goethestrasse 23 ist eine breite bündnisarbeit vorangegangen. dem bündnis schweriner antifaschistinnen haben sich neben autonomen gruppen, parteien, wie die grünen, pds, dkp, der dgb, vvdn-bda auch sozialistische organisationen, wie die jusos, rot(z)frech und ag junge genossinnen angeschlossen. insgesamt war eine breite, positive resonanz zu spüren. egal mit wem wir sprachen, stadtteilvertreterinnen oder dem stadtjugendring- das vorhaben, gegen das nazizentrum vorzugehen, wurde befürwortet.
innerhalb der bündnisarbeit kristallisierte sich schnell eine zielsetzung der demo heraus. entgegen der verdrängung, verharmlosung und relativierung faschistischer strukturen, sollte auf diese aufmerksam gemacht werden. man sah in der demonstration die möglichkeit, antifaschistische positionen in den öffentlichen raum zu transportieren und darüber politisierend zu wirken. der antifaschistischen bewegung in der region sollte das einen schub geben. dafür war es aber notwendig, sich neben dem bündnis als eigenständigen ansatz darzustellen. nur so schien es möglich, das verschwimmen autonomer inhalte in bündnissen zu unterbinden. die herausgegebenen plakate und aufrufe aus der autonomen szene, brachten letztlich den stein des anstosses ins rollen.
mit lügen, verkürzenden darstellungen und einer grossen portion fantasie wurde die öffentlichkeit gegen uns krawallmacherinnen aufgebracht und das nicht wenig erfolgreich. die vielen menschen aus schwerin, die wir ansprechen und mit uns auf die strasse bringen wollten, blieben am 13.mai eingeschüchtert zu hause. betrifft diese tatsache den tag der demo selbst, waren die ersten folgen der medienrandale bereits während der vorbereitung spürbar. in der, hauptsächlich für politische parteien und gewerkschaften kritischen öffentlichen situation sollte das bündnis gespalten werden. viele menschen distanzierten sich wegen unserer beteiligung vom [bsa]. formale unterstützungsbekundungen wurden zurückgenommen. der dgb bestritt gar, um unterstützung gefragt worden zu sein. das "bündnis" folgte der bullentaktik. eine spaltung war absehbar und damit eine isolierung autonomer inhalte. als es zu dieser spaltung wider erwarten nicht kam, sich vor allen die pds für die demo stark machte, spielten die büttel eine neue karte aus. sie zwängten dem anmelder (und der pds) eine "sicherheitspartnerschaft" auf. d.h. es wurde sich mit "ordnungshütern" an einen tisch gesetzt und nettigkeiten ausgetauscht. woher kommen die autonomen plakate? wer ist v.is.d.p. liselotte meier? es widerspricht unserem politischem selbstverständnis, sich mit vertreterinnen dieses staates auf eine konversation einzulassen. wir haben das natürlich nicht gemacht. jedoch konnten wir darauf nicht adäquat reagieren, sprich wir haben es nicht geschafft, die sicherheitspartnerschaft zu verhindern. wir fühlen uns an den rand gedrängt und vermuteten der sticheleien in unsere richtung eine neue repressionswelle auf uns zukommen. eine aufkündigung des bündnisses wäre in dieser situation das konsequenteste gewesen. wir wollten uns über das [bsa] nicht instrumentalisieren und kaltstellen lassen. jedoch hätten wir mit diesem rückzug ein repressionsziel der bullen freiwillig erfüllt- wir wären allein gewesen und hätten inhaltlich kaum auf die demo einwirken können. eine zwickmühle!
aufgrund der starken kriminalisierung fiel uns das auch so schon schwer genug. es wurden definitiv bündnistreffen abgehört. wie sonst ist zu erklären, dass vertreterinnen des [bsa] mit informationen konfrontiert wurden, die lediglich auf internen gesprächen beruhten. ein mensch aus unserer gruppe hat darüber hinaus eine observation seiner person bemerkt. die überwachung war so offensichtlich angelegt, dass sie bemerkt werden musste. uns sollte gezeigt werden, dass big brother an uns dran ist!
die einseitige berichterstattung der medien, die verharmlosung der goethestrasse 23 und die heraufbeschworenen krawalle haben uns beeindruckt. nie hätten wir damit gerechnet, dass so etwas geschrieben wird. wie timo weber, der chefredakteur der schweriner volkszeitung dem [bsa] mitteilte, hatte er seine informationen direkt von der polizeiführung. das propagandaministerium lässt grüssen.
schliesslich 13.mai 800 polizisten waren laut offiziellen angaben in der stadt. darunter auch mek und sek- einheiten. ein hubschrauber kreiste 24h über schwerin. von den baustellen wurde das pflaster weggefahren, die einzelhändlerinnen schlossen ihre geschäfte und nahmen teilweise die auslagen aus den schaufenstern. rund um die goethestrasse 23 wurde ein sicherheitsgürtel gezogen. büttel mit hunden patrolierten im umkreis von 100-200 metern. der komlette nahverkehr kam zum erliegen. die oberleitungen der strassenbahnen wurden abgeschaltet. wasserwerfer und räumpanzer standen bereit. vorkontrollen bereits am abend vorher- schon weit vor schwerin. in der innenstadt selbst wurden noch einmal mehrere kontrollringe gezogen.
die demo selbst verlief nicht nur (erwartungsgemäss) friedlich, sondern kläglich verhalten. hätte militanz einer verankerung von antifaschismus in schwerin entgegengewirkt, war für uns wichtig entschlossenheit als aussenwirkung über inhalte und auftreten zu erzielen. das ist uns nicht gelungen.
uns mangelte es an konsequenz und offensivität. das wurde in mehrern situationen ersichtlich. als die demo innerhalb der goethestrasse links in die heinrich-mann-strasse abbiegen sollte, viele menschen stehen blieben und einige weitergingen, hätten wir einschreiten müssen. es wäre wichtig gewesen, zusammen zu bleiben. einerseits wollten wir eine eskalation aus repressionstechnischen gründen vermeiden- hiesse weitergehen. andererseits war uns wichtig, den nazis deutlich zu machen, dass wir ihnen auf die pelle rücken- hiesse stehen bleiben. unsere uneinigkeit liess die aufsplittung der demo zu. ein angriff durch die polizei hätte in dieser situation schlimme folgen für alle gehabt! ankreiden müssen wir uns ebenfalls das ordnerproblem. einigen davon haben den bütteln die arbeit abgenommen, indem sie aggressiv versuchten, auf demonstrantinnen einzuwirken. jeder und jede kann und sollte selbstbestimmt handeln. autoritäre anfälle (wie die der ordnerinnen) sind inakzeptabel. es ist unverzeihlich, dass sie sich solidarischer mit den bullen verhalten haben, als mit ihren eigenen leuten. dass der ea nicht bis zum schluss funktioniert hat, keine anlaufstelle für menschen von ausserhalb da waren, tut uns leid. es war die erste grössere demo, an deren organisation wir mitgeholfen haben. wir hätten dabei mehr verantwortung übernehmen müssen!
warum dieser text? zum einen, wollen wir all den menschen, die am 13.mai in schwerin waren, danken für ihr kommen danken und vielleicht einige fragen beantworten, die sich für sie nach der demo gestellt haben. abstrakter gesehen, erkennen wir im umgang mit uns einen verzweifelten versuch, den anflug linksradikaler bewegung zu zerschlagen. um so schwächer unsere eigenen strukturen sind, um so niedriger ist auch die toleranzgrenze der herrschenden. ihre mittel werden rabiater. für schwerin sieht das konkret so aus, dass sich neben dem staatsschutzdezernat k4 und dem verfassungsschutz, kürzlich auch noch die maex (mobile aufklärung extremismus) vorgestellt hat.
staatliche angriffe gemeinsam zurückschlagen!
autonome antifa schwerin [15.05.2000]
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
zum anfang.. zurück.. druckversion..